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Kinder respektvoll erziehen: Der komplette Guide

Respektvolle Erziehung bezeichnet einen Erziehungsansatz, der die Würde, die Bedürfnisse und die Entwicklungsphase von Kindern konsequent in den Mittelpunkt stellt – ohne auf Strafen, Beschämung oder Kontrolle durch Angst zu setzen. Sie verbindet Erkenntnisse aus der Bindungstheorie, der Entwicklungspsychologie und der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg mit dem Alltagsleben von Familien. Der Ansatz ist weder Laissez-faire noch autoritär, sondern autoritativ: klar, verlässlich und zutiefst menschlich.

Inhaltsverzeichnis

Kurz zusammengefasst

Respektvolle Erziehung bedeutet, Kinder als vollwertige Personen mit eigenen Bedürfnissen zu behandeln. Grenzen werden gesetzt – aber ohne Demütigung. Konflikte werden gelöst – aber ohne Machtkämpfe. Das Ziel ist keine Gehorsamkeit, sondern innere Stärke.

⚠ Wichtiger Hinweis

Respektvolle Erziehung ist kein starres System ohne Regeln. Eltern, die diesen Ansatz praktizieren, setzen trotzdem klare Grenzen – sie begründen diese jedoch und erklären sie ihren Kindern altersgerecht. Es geht nicht darum, jedem Wunsch nachzugeben, sondern darum, Bedürfnisse ernstzunehmen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Respektvolle Erziehung stärkt das Selbstwertgefühl und die Emotionsregulation von Kindern nachhaltig
  • Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Rosenberg ist ein zentrales Werkzeug im Alltag
  • Grenzen setzen und Respekt schließen sich nicht aus – im Gegenteil
  • Die eigene Kindheitserfahrung der Eltern spielt eine unterschätzte Rolle
  • Konsequenz entsteht durch Haltung, nicht durch Strenge
MV

„Was mich in meiner Arbeit mit Familien immer wieder überrascht: Die meisten Eltern wollen gar nicht strafen. Sie wissen nur oft nicht, was sie stattdessen tun sollen – besonders wenn sie selbst erschöpft sind. Respektvolle Erziehung beginnt nicht beim Kind, sie beginnt beim Elternteil.“
— Mia Vogel, Erziehungsberaterin und systemische Familientherapeutin. Arbeitsschwerpunkte: Bindungsorientierung, elterliche Selbstfürsorge, GFK im Familienalltag. Fortbildungen u. a. am Institut für Familientherapie Weinheim.

1. Was bedeutet respektvolle Erziehung?

Respektvolle Erziehung behandelt Kinder als vollwertige Personen mit eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und einer eigenen Würde – von Geburt an.

Der Begriff klingt zunächst selbstverständlich. Natürlich wollen Eltern ihre Kinder mit Respekt behandeln. Doch in der Praxis zeigt sich schnell, wo alte Muster greifen: „Weil ich das sage.“ „Nicht weinen.“ „Stell dich nicht so an.“ Solche Aussagen sind nicht böswillig gemeint – sie sind oft schlicht das Echo der eigenen Kindheit.

Respektvolle Erziehung im pädagogischen Sinne lehnt diese Machthierarchie ab. Sie geht davon aus, dass Kinder kein Fehlverhalten zeigen, das bestraft werden muss, sondern Bedürfnisse ausdrücken, die noch nicht erfüllt sind. Das verändert den gesamten Blickwinkel – und damit auch die Reaktion der Eltern.

2. Warum ist respektvolle Erziehung wichtig für die Entwicklung?

Kinder, die mit Respekt erzogen werden, entwickeln ein stabileres Selbstwertgefühl, bessere Emotionsregulation und tragfähigere soziale Beziehungen.

Die Entwicklungspsychologie ist eindeutig: Frühe Bindungserfahrungen prägen das Gehirn nachhaltig. Kinder, die in einem sicheren, responsiven Umfeld aufwachsen, zeigen im späteren Leben weniger Angststörungen, mehr Resilienz und ein gesünderes Sozialverhalten. John Bowlbys Bindungstheorie und ihre Weiterentwicklungen durch Mary Ainsworth belegen das seit Jahrzehnten.

Was das konkret bedeutet: Ein Kind, das lernt, dass seine Gefühle wahrgenommen werden, lernt auch, sie zu regulieren. Es muss sie nicht unterdrücken oder durch Wutausbrüche eskalieren lassen. Co-Regulation – also die elterliche Fähigkeit, dem Kind durch eigene Ruhe Halt zu geben – ist dabei der entscheidende Mechanismus in den ersten Lebensjahren.

3. Was ist der Unterschied zwischen respektvoller und autoritärer Erziehung?

Autoritäre Erziehung setzt auf Kontrolle und Gehorsam. Respektvolle Erziehung setzt auf Verständnis, Beziehung und innere Motivation.
Merkmal Autoritär Respektvoll / Autoritativ
Grundhaltung Gehorsam durch Kontrolle Kooperation durch Beziehung
Grenzen Weil Eltern es sagen Mit Begründung und Kontext
Reaktion auf Fehler Strafe Natürliche Konsequenzen, Gespräch
Gefühle des Kindes Werden ignoriert oder abgewertet Werden anerkannt und begleitet
Langfristige Wirkung Externe Motivation, Angst vor Strafe Innere Motivation, Selbstwirksamkeit

Der Unterschied liegt nicht darin, ob Grenzen gesetzt werden – sondern wie und warum. Autoritäre Erziehung braucht Gehorsam, um zu funktionieren. Respektvolle Erziehung braucht eine Beziehung.

4. Welche Erziehungsstile gibt es und wo steht respektvolle Erziehung?

Die Entwicklungspsychologin Diana Baumrind unterschied drei Stile: autoritär, permissiv, autoritativ. Respektvolle Erziehung entspricht am ehesten dem autoritativen Stil.

Autoritativ bedeutet: Eltern setzen klare Erwartungen und Grenzen, erklären diese aber und bleiben emotional verfügbar. Sie sind weder streng noch gleichgültig. Dieser Stil gilt in der Forschung als der entwicklungspsychologisch günstigste – mit konsistenten Ergebnissen über Kulturen und Altersgruppen hinweg.

Antiautoritäre Erziehung hingegen verzichtet weitgehend auf Struktur. Das ist ausdrücklich nicht dasselbe wie respektvolle Erziehung – auch wenn dieser Irrtum hartnäckig kursiert.

5. Was sind die Grundprinzipien respektvoller Erziehung?

Die wichtigsten Prinzipien sind: Bedürfnisorientierung, Empathie, klare und liebevolle Grenzen, Konsequenz ohne Strafe und die eigene Reflexion als Elternteil.

Jesper Juul, der dänische Familientherapeut, brachte es auf den Punkt: Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern echte. Das bedeutet: authentisch reagieren, Fehler eingestehen, auf Augenhöhe kommunizieren. Juuls Konzept der „elterlichen Führung“ verbindet klare Präsenz mit emotionaler Wärme – kein Widerspruch, sondern das Fundament einer tragfähigen Erziehungsbeziehung.

  • a) Kinder haben legitime Bedürfnisse – auch dann, wenn ihre Ausdrucksweise schwierig ist
  • b) Eltern sind Vorbild, nicht Kontrollinstanz
  • c) Grenzen schützen – sie müssen erklärt, nicht befohlen werden
  • d) Gefühle dürfen sein – Verhalten wird trotzdem begrenzt
  • e) Die Beziehung ist wichtiger als der Sieg im Konflikt
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6. Wie funktioniert gewaltfreie Kommunikation in der Erziehung?

Die GFK nach Marshall Rosenberg strukturiert Kommunikation in vier Schritte: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte – ohne Urteile oder Schuldzuweisungen.

Ein konkretes Beispiel aus dem Alltag: Statt „Du machst immer so einen Krach, das ist unmöglich!“ sagt eine Mutter nach GFK-Prinzipien: „Wenn ich höre, wie laut es gerade ist (Beobachtung), werde ich unruhig (Gefühl), weil ich Ruhe brauche, um mich zu konzentrieren (Bedürfnis). Könntest du etwas leiser spielen? (Bitte)“

Expert Insight

GFK ist kein Kommunikationsrezept, das man einfach aufsagt. Rosenberg selbst betonte, dass die innere Haltung entscheidend ist: Wer wirklich verstehen will, was im anderen vorgeht, kommuniziert automatisch anders. Die vier Schritte sind ein Gerüst – aber das Fundament ist Empathie.

7. Was bedeutet bedürfnisorientierte Erziehung konkret?

Bedürfnisorientierte Erziehung fragt zuerst: Was braucht mein Kind gerade wirklich? Nicht: Wie bringe ich es zum Aufhören?

Das klingt nach einer kleinen Verschiebung – ist aber eine fundamentale. Ein Kind, das im Supermarkt einen Schreikrampf bekommt, ist nicht manipulativ. Es ist erschöpft, überstimuliert, hat Hunger oder vermisst Nähe. Diese Lesart verändert die elterliche Reaktion erheblich. Statt Eskalation entsteht Deeskalation.

Attachment Parenting, das von William Sears populär gemacht wurde, ist eine Spielart dieser Haltung – mit Fokus auf körperliche Nähe, Stillen auf Verlangen und Babytragen. Bedürfnisorientierung ist jedoch breiter: Sie gilt für Kleinkinder genauso wie für Teenager.

8. Welche Rolle spielt Empathie in der respektvollen Erziehung?

Empathie ist kein Bonus – sie ist die Grundvoraussetzung. Ohne sie bleibt respektvolle Erziehung eine Technik ohne Seele.

Empathie bedeutet hier nicht, allem zuzustimmen. Es bedeutet, wirklich zu verstehen, was das Kind gerade erlebt. Wer innerlich denkt „Stell dich nicht so an“, aber äußerlich ein einfühlsames Gesicht macht, spürt das Kind sofort. Kinder sind in den ersten Lebensjahren hochsensible Empfänger für emotionale Authentizität.

9. Wie erkenne ich die Bedürfnisse meines Kindes?

Bedürfnisse zeigen sich oft nicht im Verhalten, das man sieht, sondern hinter ihm. Die Frage lautet: Was versucht mein Kind mit diesem Verhalten zu sagen?

Besonders bei Kleinkindern lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und systematisch zu fragen: Ist es müde? Hat es Hunger? Braucht es Nähe? Fühlt es sich übergangen? Diese schlichte Checkliste löst erstaunlich viele Konfliktsituationen, noch bevor sie eskalieren.

10. Wie erkenne ich meine eigenen Bedürfnisse als Elternteil?

Wer die eigenen Grenzen nicht kennt, kann sie nicht kommunizieren – und überschreitet sie dann irgendwann laut.

Respektvolle Erziehung funktioniert nicht im Dauerstress. Eltern brauchen Erholung, Unterstützung und das Recht, auch eigene Bedürfnisse zu haben. Das ist keine Schwäche, sondern strukturelle Voraussetzung. Wer dauerhaft über seine Grenzen geht, reagiert nicht mehr – er explodiert. Selbstfürsorge ist deshalb kein Luxus, sondern Teil des Konzepts.

11. Wie setze ich Grenzen respektvoll?

Grenzen werden nicht durch Lautstärke wirksam, sondern durch Klarheit, Konsequenz und Beziehung.

Eine wirksame Grenze klingt so: „Ich lasse nicht zu, dass du mich schlägst. Ich verstehe, dass du wütend bist – aber das tut mir weh.“ Kurz, klar, ruhig. Keine Drohungen, keine Vorwürfe. Das Kind erlebt eine Grenze, die nicht demütigt, sondern Halt gibt.

  • a) Grenze benennen: Was ist nicht okay?
  • b) Gefühl des Kindes anerkennen: Was ist verständlich?
  • c) Alternative anbieten: Was ist stattdessen möglich?

12. Warum brauchen Kinder Grenzen trotz respektvoller Erziehung?

Grenzen geben Kindern Orientierung und Sicherheit. Sie sind kein Widerspruch zu Respekt – sie sind sein Ausdruck.

Kinder, die keine Grenzen erleben, fühlen sich nicht freier. Sie fühlen sich unbegleitet. Die Forschung zur positiven Disziplin zeigt konsistent: Struktur und Wärme zusammen fördern die Entwicklung am stärksten. Kinder testen Grenzen nicht, um zu nerven – sie testen sie, um sicherzugehen, dass jemand da ist.

13. Was ist der Unterschied zwischen Grenzen und Strafen?

Grenzen schützen. Strafen beschämen. Eine Grenze sagt „das geht nicht“. Eine Strafe sagt „du bist schlecht, weil du es getan hast“.

Der Unterschied liegt in der Wirkung auf das Selbstbild des Kindes. Strafen lösen keine Konflikte – sie unterdrücken das Verhalten kurzfristig durch Angst. Grenzen hingegen geben dem Kind Information darüber, wie die Welt funktioniert, ohne seinen Selbstwert anzugreifen.

14. Wie gehe ich mit Wutanfällen und Trotzphasen respektvoll um?

Die Trotzphase ist keine Rebellion – sie ist ein entwicklungspsychologisch notwendiger Schritt zur Autonomie. Kinder brauchen dabei Begleitung, keine Bestrafung.

Ein zweijähriges Kind, das auf dem Boden liegt und schreit, weil die Socke falsch sitzt, hat keinen Charakter-Defekt. Es hat einfach noch keinen Zugang zu seiner Emotionsregulation. Das präfrontale Gehirn – zuständig für Impulskontrolle – reift bis ins dritte Lebensjahrzehnt. Dieses Wissen allein ändert bereits, wie Eltern die Situation erleben.

Expert Insight

In solchen Momenten hilft elterliche Co-Regulation: ruhig bleiben, in Bodennähe gehen, ggf. körperliche Nähe anbieten. Keine Vorwürfe, keine Strafen. Wenn das Kind sich beruhigt hat, kann man über das Verhalten sprechen – vorher ist das Gehirn nicht aufnahmebereit.

15. Was mache ich, wenn mein Kind nicht hört?

„Nicht hören“ ist oft kein Trotz, sondern ein Signal: Das Kind ist überfordert, abgelenkt oder hat die Anforderung noch nicht verinnerlicht.

Hilfreich ist, in Augenhöhe zu gehen – buchstäblich. Auf Kniehöhe, Blickkontakt, ruhige Stimme. „Ich brauche jetzt deine Aufmerksamkeit. Kannst du kurz stoppen?“ Wer schreit, verliert die Verbindung. Wer nähertritt und leise spricht, gewinnt sie zurück.

16. Wie reagiere ich respektvoll auf Fehlverhalten?

Fehlverhalten ist eine Lernchance, kein moralisches Versagen. Die Reaktion der Eltern entscheidet, ob das Kind aus der Situation lernt oder sich schämt.

Statt „Wie konntest du nur!“ hilft: „Das war nicht okay. Lass uns schauen, was wir daraus machen können.“ Diese Haltung stärkt Selbstwirksamkeit – das Gefühl des Kindes, etwas bewirken und wiedergutmachen zu können. Das ist die Grundlage für Verantwortungsgefühl.

17–18. Welche Alternativen zu Strafen gibt es – und was sind natürliche Konsequenzen?

Natürliche Konsequenzen entstehen direkt aus dem Verhalten. Logische Konsequenzen werden von Eltern so gesetzt, dass sie inhaltlich mit dem Verhalten zusammenhängen.

Wer das Spielzeug des Bruders kaputt macht, hilft beim Reparieren oder gibt sein Taschengeld dazu. Das ist eine logische Konsequenz – sie ergibt Sinn, demütigt nicht und lehrt etwas. Eine willkürliche Strafe (etwa Fernsehverbot) tut das nicht. Sie erzeugt Groll, keine Einsicht.

  • a) Natürliche Konsequenz: Wer den Pullover nicht anzieht, friert
  • b) Logische Konsequenz: Wer das Spielzeug nicht aufräumt, kann es eine Weile nicht nutzen
  • c) Wiedergutmachung: Wer etwas beschädigt, hilft bei der Lösung
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19–22. Respektvolle Erziehung in verschiedenen Altersstufen

Kleinkinder (0–3 Jahre)

In dieser Phase ist Co-Regulation alles. Säuglinge und Kleinkinder können noch nicht selbst regulieren – sie brauchen Eltern, die ihnen durch Ruhe und Nähe zeigen, dass Gefühle bewältigbar sind. Grenzen werden klar benannt, aber nicht mit Druck durchgesetzt.

Kindergartenalter (3–6 Jahre)

Jetzt entwickeln Kinder Autonomie. „Ich selber!“ ist kein Eigensinn, sondern gesunde Entwicklung. Respektvolle Erziehung gibt hier so viel Entscheidungsraum wie möglich – und zieht klare Grenzen, wo es nötig ist.

Schulkinder und Pubertät

Mit zunehmendem Alter verlagert sich respektvolle Erziehung in Richtung echter Beteiligung. Jugendliche brauchen keine Kontrolle – sie brauchen Gesprächspartner. Wer in der Kindheit Respekt erfahren hat, sucht auch in der Pubertät noch das Gespräch mit den Eltern. Das ist kein Zufall.

23–25. Wie bleibe ich ruhig – und was mache ich mit meinen eigenen Triggern?

Elterliche Selbstregulation ist die wichtigste Fertigkeit in der respektvollen Erziehung – und die schwierigste.

Jeder Elternteil kennt den Moment: Das Kind macht etwas, und man reagiert unverhältnismäßig stark. Das sind sogenannte Trigger – Situationen, die unbewusst alte eigene Erfahrungen aktivieren. Wer lernt, diese Trigger zu erkennen, gewinnt die Möglichkeit, bewusster zu reagieren statt automatisch.

Eine einfache Methode: Wenn man merkt, dass man gleich eskaliert, kurz pausieren. „Ich brauche einen Moment.“ Das ist keine Schwäche – es ist Vorbild. Kinder lernen so, dass auch Erwachsene Gefühle regulieren müssen.

26. Welche Rolle spielt meine eigene Erziehung?

Wir erziehen oft so, wie wir selbst erzogen wurden – oder genau umgekehrt. Beides kann problematisch sein, wenn es unbewusst passiert.

Die Aufarbeitung der eigenen Kindheitserfahrungen ist kein therapeutisches Luxusprojekt, sondern praktische Elternarbeit. Wer versteht, warum bestimmte Situationen so starke Reaktionen auslösen, kann diese Reaktionskette unterbrechen. Viele Eltern beginnen genau damit erst, wenn sie selbst Eltern werden.

27–30. Häufige Missverständnisse rund um respektvolle Erziehung

Ist respektvolle Erziehung dasselbe wie antiautoritäre Erziehung?

Nein. Antiautoritäre Erziehung lehnt Grenzen grundsätzlich ab. Respektvolle Erziehung setzt Grenzen – aber mit Begründung und Empathie. Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Werden Kinder dadurch verwöhnt?

Diese Sorge ist verbreitet – und unbegründet. Verwöhnung entsteht durch grenzenloses Nachgeben, nicht durch emotionale Verfügbarkeit. Kinder, die emotional sicher gebunden sind, werden nicht anspruchsvoller, sondern kooperativer.

Was, wenn der Partner anders erzieht?

Unterschiedliche Erziehungsstile belasten Kinder tatsächlich – nicht weil Unterschiede schlimm sind, sondern weil Unberechenbarkeit Sicherheit kostet. Hier lohnt ein offenes Gespräch über Werte – nicht über Methoden. Meist stellen Paare fest, dass die Grundwerte ähnlicher sind als gedacht.

31–35. Respektvolle Erziehung im Alltag – konkret und praktisch

Respektvolle Erziehung scheitert nicht an schlechten Absichten, sondern an Erschöpfung und fehlenden konkreten Formulierungen.

Besonders hilfreich im Alltag: Formulierungen, die Gefühle benennen und Grenzen setzen, ohne zu beschämen.

  • a) „Ich sehe, dass du gerade sehr wütend bist. Das darf sein.“ (Gefühl anerkennen)
  • b) „Hauen ist nicht okay – auch wenn du sauer bist.“ (Grenze setzen)
  • c) „Was brauchst du gerade?“ (Bedürfnis erfragen)
  • d) „Ich muss jetzt auch kurz durchatmen.“ (Selbstregulation vorleben)

In stressigen Situationen hilft eine persönliche Notfallroutine: Ein Wort, ein Atemzug, ein kurzes Heraustreten aus der Situation. Wer diese Routine kennt und übt, greift in Druckmomenten automatisch darauf zurück – statt auf alte Muster.

36–38. Bücher, Experten und Forschungslage

Die Forschung zu autoritativer Erziehung ist konsistent positiv. Jesper Juul und Marshall Rosenberg haben diese Erkenntnisse in praxistaugliche Konzepte übersetzt.

Lesenswert für Eltern:

  • a) Jesper Juul: Dein kompetentes Kind – Klassiker über Grenzen und Würde
  • b) Marshall Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation – das Grundlagenwerk zur GFK
  • c) Daniel J. Siegel & Mary Hartzell: Achtsame Eltern – achtsame Kinder – Neurobiologie trifft Erziehungsalltag
  • d) Adele Faber & Elaine Mazlish: Wie man mit Kindern redet – sehr praxisnah

Die Studienlage ist klar: Kinder aus autoritativen Familien zeigen in Metaanalysen konsistent bessere schulische Leistungen, geringere Depressions- und Angstraten sowie höhere soziale Kompetenz im Erwachsenenalter.

39–40. Langzeitwirkung und Selbstwertgefühl

Respektvolle Erziehung wirkt nicht sofort sichtbar – aber langfristig tief. Das Selbstwertgefühl ist dabei der entscheidende Faktor.

Kinder, die erlebt haben, dass ihre Gefühle zählen, ihre Meinung gehört wird und Fehler keine Katastrophen sind, entwickeln ein stabiles Selbstbild. Sie brauchen keine externe Bestätigung, weil sie gelernt haben, sich selbst zu vertrauen. Das ist der eigentliche Kern respektvoller Erziehung – und ihr dauerhaftestes Ergebnis.

Häufig gestellte Fragen

Ist respektvolle Erziehung auch bei sehr schwierigem Verhalten möglich?

Ja – gerade dann ist sie besonders wichtig. Schwieriges Verhalten signalisiert oft unerfüllte Bedürfnisse oder Überforderung. Respektvolle Reaktionen helfen, den Kreislauf aus Eskalation und Gegenwehr zu durchbrechen. Bei anhaltenden Problemen kann Erziehungsberatung sinnvoll sein.

Ab welchem Alter versteht ein Kind Grenzen und Konsequenzen?

Einfache Grenzen nehmen Kinder ab etwa 18 Monaten wahr. Logische Konsequenzen sind ab dem Vorschulalter verständlich. Je jünger das Kind, desto mehr braucht es Nähe und Begleitung statt Erklärungen.

Muss ich immer ruhig bleiben, um respektvoll zu erziehen?

Nein. Auch Wut darf sein – Kinder dürfen sehen, dass Eltern Gefühle haben. Entscheidend ist, was man mit dieser Wut macht. Schreien und Beschämen ist keine Option, aber klar und bestimmt sagen „Das macht mich wirklich wütend“ ist authentisch und lehrreich.

Was ist der erste Schritt, wenn ich mit respektvoller Erziehung anfangen möchte?

Der einfachste Einstieg: Fang an, hinter dem Verhalten deines Kindes das Bedürfnis zu suchen. Diese eine Frage – „Was braucht es gerade wirklich?“ – verändert langfristig alles. Kein Buch nötig, keine perfekte Methode.

Wie gehe ich damit um, wenn ich vor anderen Eltern aus dem Konzept gerate?

Außenstehende Kritik ist eine der häufigsten Belastungen für Eltern, die respektvoll erziehen. Hilfreich: kurze, ruhige Antworten wie „Wir machen das bei uns so.“ Keine Diskussion nötig. Die Ergebnisse sprechen langfristig für sich.

Fazit

Respektvolle Erziehung ist kein Idealzustand, den man irgendwann erreicht – sie ist eine Haltung, die man täglich neu wählt. Es wird Tage geben, an denen man schreit, obwohl man es nicht wollte. Tage, an denen man zu müde ist für Empathie. Das macht niemanden zu einer schlechten Elternperson. Entscheidend ist nicht die Perfektion, sondern die Richtung: das ehrliche Bemühen darum, das Kind als Menschen zu sehen – mit Bedürfnissen, Gefühlen und einer Würde, die keine Leistung voraussetzt. Wer das als Grundhaltung verinnerlicht, hat bereits alles Wesentliche verstanden.

Werner Petersen
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